Ein kleiner Abriss über die Geschichte des Pilgerns
Das Pilgern ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Seit es Religion gibt, egal in welcher Form, seitdem gingen und gehen Menschen an die Stätten, die ihrer Meinung nach mit dem Göttlichen im Allgemeinen oder Besonderen in Berührung kamen, um jenem Göttlichen näher zu sein.
Die vorchristlichen Religionen in all ihrer Vielfalt veranlassten wohl schon auch damals, dass sich Menschen zu geheiligten Plätzen begaben. Heilige Haine, Höhlen, Berggipfel und Quellen gehörten dazu, eigens erbaute Tempel, die wir heute noch bestaunen können, um nur einige zu nennen. Man brachte Opfer in Form von Gebeten, Früchten oder sonstigen Dingen, um für etwas zu bitten oder zu danken. Allerdings stellt sich natürlich die Frage, ob das überhaupt pilgern im heutigen Sinne war? Was macht einen Pilger aus?
Auch heute ist Pilgern nicht nur auf das Christentum beschränkt. In allen Religionen wird es praktiziert. Dennoch möchte ich mich hier in erster Linie der Geschichte des Pilgerns im Christentum zuwenden.
Pilgern leitet sich von lat.: „peregrinus“ ab und lässt sich am ehesten mit „in der Fremde“ übersetzen. Und in der Fremde war man definitiv. In einer Zeit, in der einem allein die Familie und der Ortsverband Sicherheit und Rückhalt gegeben haben, war man als Pilger weitgehend auf sich allein gestellt. Verständigungs- und Versorgungsprobleme mussten bewältigt werden in einer Zeit, in der alles Fremde mit Misstrauen betrachtet wurde. Räuberische Banden machten die schlechten, ausgetretenen Pfade und Wege unsicher. Und dennoch bewegten sich wahre Ströme Richtung der Pilgerziele nach Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela, um nur die drei Grössten zu nennen.
Als die erste schriftliche Aufzeichnung einer Pilgerschaft kann der Auszug der Israeliten aus Ägypten genannt werden. Das Volk Israel erhoffte sich Frieden und Freiheit im gelobten Land. Es „befreite“ sich, wie auch der einzelne Pilger, damals wie heute, sich befreien will, indem er an Stätten gelangt, die ihm die Möglichkeit geben, sich „seelisch“ zu befreien. Gerade heute ist das einer der Hauptgründe einer Pilgerschaft.
Wobei wir bei den Gründen wären, sich eine gewisse Zeit lang von allem abzunabeln und sich, nur mit dem allernötigsten ausgerüstet, eine gewisse Zeit lang aus eigener Körperkraft fortzubewegen. Viele treibt die pure Abenteuerlust. Auch Worte wie „Selbstfindung“ oder „die Einfachheit ent-decken“, „Sehnsucht nach Ursprünglichkeit“ kann man hören. Manche mag es geben, die sich auf die Suche nach Gott begeben.
Was aber trieb den Menschen damals auf eine Reise ins Ungewisse?
In dieser Zeit war das Religiöse mit Sicherheit im Vordergrund. Der Mensch von damals glaubte be-dingungslos an Gott und seine Heiligen. Niemals hätte er diese Ordnung in Frage gestellt. Aber um jenem göttlichen Reich schon im diesseitigen Leben etwas näher zu kommen, erhoffte man sich durch Pilgerfahrten, schon im vorraus etwas davon zu ergattern. Dieses war wohl der Hauptgrund. Doch auch damals mögen die Gründe schon mehr gewesen sein. Eine Frau konnte durch eine Pil-gerreise eine unliebsame Vermählung umgehen. Ein gesundeter Mensch löste ein gegebenes Ver-sprechen ein, man konnte-und kann heute noch-um Fürbitte pilgern oder um seine Sündenlast zu verringern.
Für Fürsten und Kaiser konnten auch politisch motivierte Gründe für eine Pilgerreise sprechen und sei es nur aus Prestigegründen. Selbst Verurteilte konnten zur Strafe-wohl aber nur für „leichtere“ Vergehen-zu einer Pilgerfahrt verurteilt werden. Selbst die Kreuzzüge kann man als bewaffnete Pilgerreisen ansehen.

Ein besonderes Kuriosum waren die Berufspilger. Sie gingen auf Fahrt als Ersatz für Andere, die sich die Strapazen nicht antun wollten oder konnten. Sie liesen sich für diesen Dienst bezahlen und beteten für ihren jeweiligen Auftraggeber an den Orten, an denen sie sozusagen „hinzupilgern“ hatten.
lichen Beweis seiner erfolgreichen Pilgerschaft, in Santiago de Compostela ist das heute noch das
„credencial de peregrinos“. Die meisten Abzeichen waren aus Zinn oder Blei gegossen und konnten an den Hut oder die Kleidung angenäht werden.


Das Reisen war damals alles andere als bequem. Ein reicher Mensch bestritt die Reise meist, was die Sache etwas erleichterte, zu Pferd, aber die Mehrheit war zu Fuss unterwegs und auf Mildtätig-keit und gutes Schuhwerk angewiesen. Alles, was der herkömmlich Pilger an Habseligkeiten mit-führen sollte, waren ein breitkrempiger Hut, ein Umhang,“pelerine“ genannt, eine Tasche oder Beutel für seinen Proviant und ein mannshoher Stock als Stütze. Und ein Geleitbrief des ortsan-sässigen Pfarrers oder Bischofs, der dem Pilger weitgehend ungehindertes Reisen ermöglichte und ihn auch offiziell als wahren Pilger auswies.


Die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela
Der „Camino“, wie der Jakobsweg weltweit genannt wird, ist der wohl berühmteste Pilgerweg. Er verbindet sämtliche Jakobskirchen in ganz Europa, um sich kurz vor Puente la Reina zu einem einzigen zu verbinden, der sich dann als „Camino fransès“ durch Nordspanien bis nach Santiago zieht. Das Ziel ist die Kathedrale in Santiago, die nach einer Legende über dem Grab des heiligen Jakobus erbaut wurde.
Jakobus soll als Jünger Jesu in Spanien missioniert haben, was aber nicht belegt ist. Zurückgekehrt ins Heilige Land, wurde er von König Herodes Agrippa I. im Jahr 43 hingerichtet. Zwei seiner Schüler legten den Leichnam in ein Boot und liessen es ins Meer treiben. Dieses Boot soll, von Muscheln besetzt, an die Küste bei Santiago gespült worden sein. Ein Eremit, Pelayo mit Namen, soll es in der Nacht leuchten gesehen haben und hat daraufhin den Bischof informiert, der die Gebeine als die des heiligen Jakobs zu erkennen glaubte und ihm ein Grabmal errichten liess. Im Jahre 813 wurde dort ein erstes Pilgerzentrum errichtet. Unter König Alfons II. von Asturien (791-834) wird dann eine erste Kirche errichtet und der Ort als Pilgerzentrum weiter ausgebaut. Das Ganze fand in einer Zeit statt, in der die Reconquista gegen die Mauren in vollem Gange war. So soll Jakob in der Schlacht von Clavijo im Jahre 844 vor dem christlichen Heere geritten sein und den Sieg errungen haben. Seitdem trägt Jakobus den Beinamen „Matamoros“ - Maurentöter.
Die Wallfahrt nach Santiago blieb durchgehend bis Anfang des 16. Jh. beliebt. Die nächsten Jahhunderte geriet die Pilgerfahrt etwas in Vergessenheit, erlebt aber unserer Tage eine Wiederentdeckung. Die letzten Jahre steigt die Zahl derer stetig an, die sich auf den Weg machen. Im Jahr 2004 sollen es über 170 000 Menschen gewesen sein... Tendenz steigend.









